Zwischen den Extremen

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf unser Wasser? Dieser Frage geht Autor und Wirtschaftsjournalist Uwe Ritzer nach. Im Interview spricht er über die Auswirkungen von Wetterextremen – und über mögliche Lösungen.

Herr Ritzer, seit einigen Jahren erleben wir regelmäßig Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hochwasser und Dürren. Wie ist das mit dem Klimawandel verbunden und wie beeinflussen sie die Wassersituation in Deutschland? 

Das eine ist eng mit dem anderen verbunden. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Dürre und Flut. Klimaforscher gehen davon aus, dass wir im Sommer tendenziell längere und heißere Trockenperioden bekommen und im Winter durchaus mehr Regen. Was eben - falls verstärkt auftreten wird, sind Extremwettereignisse, bei denen Starkregen innerhalb kürzester Zeit in gewaltigen Mengen auf den Boden fällt und im Sommer dann zum Beispiel von einer ausgetrockneten Erde nicht mehr aufgenommen werden kann.

Also gibt es in Summe gar nicht weniger Regen? 

Aufs ganze Jahr gesehen nicht. Die Frage ist nur: Können unsere Böden die Wassermassen, die da runterkommen, entsprechend verarbeiten, sodass sich die Grundwasserspeicher wieder auffüllen und wir das Wasser auch nutzen können. Die andere Seite ist, dass dieses Wasser noch dazu eben nicht oberflächlich abfließt, sondern dass es bei Starkregen Überschwemmungen gibt. Das Wasser rauscht dann über die Flüsse in die Meere, wird zu Salzwasser und ist für unsere Trinkwasserversorgung erst mal weg.

In den Medien kursiert die Zahl, dass Deutschland seit dem Jahr 2000 ungefähr 20 Prozent des Grundwassers verloren hat. Ist das tatsächlich so? 

Konkrete Zahlen sind hier schwierig zu nennen, aber es gibt Forscher, die zu diesem Ergebnis kamen, ja. Andere wiederum gehen davon aus, dass Deutschland seit 2000 etwa die Menge des Bodensees an Wasservorräten verloren hat. Letztendlich ist es so, dass man es nicht hundertprozentig weiß, weil es noch Lücken bei der Erfassung gibt, was eigentlich an Grundwasser da ist. Was man aber ganz eindeutig sagen kann: Deutschland gehört unter den vergleichbaren Ländern zu denen mit dem größten Wasserverlust weltweit.

Was können wir tun? 

Die Politik hat die Notwendigkeit zumindest schon mal erkannt. Es wurde bereits zu Zeiten von Angela Merkel eine nationale Wasserstrategie initiiert, die die Ampel im Jahr 2023 vollendet und vorgestellt hat. Da stehen 78 konkrete Vorschläge drin, die zum Teil exorbitant gut sind.

»Wir kommen in Deutschland einfach von einem extrem hohen Niveau. Wasser war bei uns immer verfügbar. Wir müssen jetzt einfach neu denken.« - Uwe Ritzer

Bei der Umsetzung steckt allerdings der Teufel oft im Detail. Wenn zum Beispiel eine Kommune sagt, beim Neubaugebiet müssen verbindlich Regenwasserzisternen oder Brauchwasserkreisläufe eingebaut werden, dann ist das zunächst einmal eine Belastung für die Häuslebauer und schlussendlich auch für die Wirtschaft. Das erfordert Überzeugungsarbeit und sicher auch Anreize – auch wenn die Maßnahmen natürlich noch so sinnvoll sind. Wir kommen in Deutschland einfach von einem extrem hohen Niveau. Wasser war bei uns immer verfügbar – 24/7 in allen erdenklichen Mengen. Wir müssen jetzt einfach neu denken. 

Wie denn? Zum Beispiel bei der erwähnten Wasserspeicherung und Regenwassernutzung, bei der jeder Häuslebauer und Gartenbesitzer seinen Teil beitragen kann? 

Genau, aber auch bei größeren Konzepten. Etwa beim Städtebau, wo es spannende Konzepte wie die Schwammstadt gibt. Ich war auf einer Veranstaltung in Sachsen, bei der die zuständige Beamtin aus dem Umweltministerium bestätigte, dass Regenwassermanagement zu den ganz großen Zukunftsaufgaben gehört und dem schließe ich mich an. Ich bin überzeugt, dass die Technik ein großer Schlüssel sein kann, um unser Wasser optimal zu managen und die Verwendung besser zu steuern – sei es durch Regenwasserspeicherung in Tanks oder durch Versickerungslösungen, die dabei helfen können, dass das Wasser vom Boden etwa bei Starkregenereignissen besser aufgenommen werden kann. Daraus können sich große Chancen entwickeln. Übrigens auch in der Wirtschaft, einem ganz zentralen Player bei dieser Geschichte. Weil es hier eben noch mal um viel größere Mengen geht. Und gleichzeitig um Effizienz. Und diese bringt das Wassermanagement mit sich.

Wirtschaft ist ein gutes Stichwort. Welche Herausforderungen kommen auf die Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung, Industrie und Umwelt zu?

Man geht davon aus, dass der Wasserbedarf in den nächsten Jahren insgesamt in Deutschland stark steigen wird. Das liegt weniger an einzelnen Haushalten als vielmehr an den großen Schluckern. Ungefähr drei Viertel des Frischwasserbedarfs in Deutschland wird von der Wirtschaft im weitesten Sinne verwendet. Dabei geht es vor allem um die großen Energieversorger und die Industrie. Aber auch in der Landwirtschaft wird sich der Wasserbedarf schätzungsweise verdoppeln. So wie wir jetzt mit unserem Wasser haushalten, können wir also auf Dauer nicht weitermachen. Und am Ende trifft der Wassermangel natürlich auch wieder uns alle. 

Und was wäre Ihre Forderung? 

Natürlich gibt es nicht den einen politischen Knopf, den man drückt, und alles wird gut. Das Thema Wasser taugt nicht für Populismus. Man kann nicht sagen, die EU muss es regeln, der Bund ist zuständig, das Land oder die Kommune. Letztendlich müssen alle dran. Vor allem braucht es Wassermanagement, sprich: ein System, das alle Bedürfnisse bei der Wasserverwendung koordiniert, abwägt und sinnvoll steuert. Das ist zunächst mal eine politische Aufgabe, die auf den verschiedenen Ebenen stattfinden muss. Da muss eine Kommune genauso aktiv werden wie der Bund.

Was muss sich denn Ihrer Meinung nach noch ändern?

Die Sensibilität. Von den etwa 15 Milliarden Kubikmetern Wasser, die die Wirtschaft in Deutschland verbraucht –der mit Abstand größte Verbraucher–, kommen über 90 Prozent aus eigenen unternehmenseigenen Brunnen. Dafür zahlen die Unternehmen in drei Bundesländern gar nichts und in den übrigen lediglich marginale Centbeträge pro Kubikmeter. Das sind keine Anreize, um Wasser zu sparen, und muss sich unbedingt verändern.

Um Schwung in das Thema zu bringen, ist es doch auch wichtig, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für dieses Thema zu wecken. Wie kann das gelingen? 

Ich stelle fest, dass das Bewusstsein für die Themen zuletzt enorm gestiegen ist. Es gibt mehr mediale Beiträge, die sich um das Thema Wasserverwendung drehen. Außerdem bekommen wir die Ausnahme langsam aber sicher zu spüren. Selbst im vergangenen Sommer wurde in 40 Landkreisen der Wassernotstand ausgerufen. Je trockener unsere nächsten Jahre werden und je länger diese Trockenphasen andauern, desto häufiger wird es solche Fälle geben und desto größer wird auch die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema. Glücklicherweise gibt es Menschen, die zu Veranstaltungen gehen, sich engagieren und informieren. Letztendlich will auch mein Buch „Zwischen Dürre und Flut“ einen Beitrag dazu leisten, dem Thema die Bedeutung zu geben, die es definitiv hat.


20% Grundwasser

128 Liter

⅔ der Erde

40 Landkreise

hat Deutschland seit 2000 verloren.

verbraucht eine Person in Deutschland pro Tag.

sind von Wasser bedeckt. Weniger als 3 % davon ist trinkbar. 

mussten 2023 den Wassernotstand ausrufen.


Das heißt, wir kommen in den nächsten Jahren sowieso nicht mehr um das Thema herum und sind gezwungen, es ernst zu nehmen? 

Genau, es ist nicht wie bei Gas oder bei Strom. Wenn es ums Heizen oder um Elektrizität geht, kann man immer ausweichen. Wenn ich meinen Strom eben nicht aus dem Atomkraftwerk will, dann kann ich ihn aus erneuerbaren Energien beziehen. Wenn ich eine Gas- oder Ölheizung habe, kann ich einen anderen Energieträger wählen. Bei Wasser gibt es diese Alternative nicht. Man hat es – oder man hat es eben nicht. Deshalb ist es mir auch wichtig zu betonen, dass Wasser unbedingt ein Allgemeingut bleiben muss, das uns allen zugutekommt. Das ist für mich die Basis für alle weiteren Überlegungen, Strategien und Maßnahmen, die dann hoffentlich in die richtige Richtung gehen und Wirkung zeigen.