Die MuskELMänner des Kunststoffs

Brennstoff versus Rohstoff? Unser Partner ELM in Bissingen hat beide Wege der Verwertung vereint – und dadurch so richtig einen Schub erfahren …

Selbst auf der Wasserflasche im Konferenzraum der ELM Group im Bissinger Stammsitz steht fett: „Recycling“, und ein Kreislauf ist auch auf dem Etikett abgebildet. Bei der Wasserflasche mag es inzwischen selbstverständlich sein, dass sie am Ende wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt wird. Viel spannender ist das bei so vielen anderen Kunststoffprodukten, für deren Verwertung ELM Wege gefunden hat. Mehr erfahren wir heute bei einer Werksführung von Matthias Einsele, der sich die Geschäftsführung und die Anteile am Unternehmen 50:50 mit Eberhard Lebküchner teilt. Er vermag sein Geschäft so granular zu beschreiben, wie es wahrscheinlich nur einer kann, der von Berufung wegen Kunststoffe in spezifische Körnungen und Fraktionen separiert.

Um es vorweg zu sagen: ELM ist einer unserer Partner und ein Lieferant von hochwertigem Recyclingkunststoff, aus dem in Teningen, Herbolzheim, Neuried und Dachstein Regenwasserbehälter werden. Angefangen hat ELM aber mit einer anderen Art der Kunststoffverwertung… ELM, 1998 von Einsele, Lebküchner und Willi Männer in Bissingen an der Teck im badenwürttembergischen Landkreis Esslingen gegründet, ist heute eine Unternehmensgruppe mit mehr als 200 Mitarbeitern und neun Unternehmen an fünf Standorten. Die zwei Claims „Vom Abfall zur Ressource“ und „Vom Abfall zum Brennstoff“ beschreiben zutreffend, was die Hauptwege sind, die ELM mit dem Ausgangsmaterial Kunststoff geht. Am Anfang stand dabei der mit dem Brennstoff …

Ersatzbrennstoffe, kurz EBS

Herr Männer, der bis dato einen reinen Containerdienst leitete, hatte den Anstoß zu einem Zusammenschluss mehrerer regionaler Entsorger gegeben und die Aufgabe als Geschäftsführer der sodann gemeinsam angeschafften Sortieranlage der Entsorgungsbetriebe übernommen. In der gleichen Zeit wurde in Bissingen eine Textilhalle frei. Und die drei Bissinger Gründer setzten hier ihre Idee um: „Die Sortieranlage der Entsorgungsbetriebe machte es nun möglich, die angelieferten Stoffe so zu separieren, dass wir weiter damit arbeiten konnten“, erinnert sich Einsele. „Uns interessierte daran der Kunststoff - und hier vor allem auch die nicht stofflich verwertbaren Kunststoffverbunde.“ Denn aus diesem machte das neu gegründete Unternehmen Ersatzbrennstoffe. Die Kunststoffteile werden dabei aus dem Abfall separiert und so in Form gebracht, dass sie gut entzündlich sind und gemäß ihren Eigenschaften unter Freigabe von möglichst viel Energie verbrennen. Denn sie beinhalten viel Energie, sind sogenannte hochkalorische Abfälle. „Diese Energie muss man doch sinnvoll nutzen“, waren sich Einsele, Lebküchner und Männer einig. Schwäbische Sparsamkeit halt – im nachhaltigsten Sinne.

Das hohe Maß an Energie zeichnet EBS aus

Sie können Gas und Kohle als Brennstoffe ersetzen. In Kalkwerken, Kohlekraftwerken und bei der Herstellung von Zement, wo überall hohe Temperaturen nötig sind, spielen sie eine zentrale Rolle. Bei ELM geht der Brennstoff ausschließlich an Zementwerke. In riesigen Drehrohröfen von sechs Metern Durchmesser verbrennt der Kunststoff und sorgt dafür, dass unten dicke Klinkersteine als Vorstufe des späteren Zements entstehen. Auf ihnen setzen sich dabei keinerlei Rückstände vom Kunststoff ab, weil er aufgrund seiner zweidimensionalen Beschaffenheit vorher vollständig verbrennt. Die Kunststoffteile sind auf gut Deutsch nämlich ganz schön plattgemacht. „In ihrer spezifischen Umgebung verbrennen sie mit weniger Schadstoffen als der Kohlestaub, den sie ersetzen“, betont Einsele. Die CO2-Bilanz der Zementherstellung verbessern sie so allemal.

„Es ist pure Ironie, dass deutsche Müllverbrennungsanlagen noch immer keine CO2-Steuer bezahlen, aber Zementwerke dies europaweit müssen, auch wenn sie Kohlestaub mit EBS ersetzen“, sagt Einsele, der bestens in die Zementherstellung eingearbeitet ist. Das geht so weit, dass ELM seine Werke in Mergelstetten, Allmendingen und Harburg direkt neben die dortigen Zementwerke gebaut hat. „Bei den großen Mengen, die wir unseren Abnehmern langfristig und an die jeweilige Produktion angepasst liefern, ist das nur auf diese Weise sinnvoll“, sagt Einsele. „1998 sagten wir, wenn wir mal 12 000 Tonnen EBS im Jahr produzieren, sind wir glücklich. Jetzt sind es fast 300 000 Tonnen pro Jahr!“

Im Jahr 2011 schloss ELM den Kreislauf und eröffnete sich den zweiten Weg

Vom Abfall zurück zur Ressource, zum Rohstoff. Das Zauberwort heißt: stoffliche Verwertung. Dank verbesserter Verfahren konnte ELM nun die Kunststoffe ihres EBS in immer feinere Fraktionen trennen. Gleichzeitig hatte das den Vorteil, dass der Ersatzbrennstoff dadurch reaktiver, also leichter entzündlich wurde. Für die hohe Einsatzrate ihres Ersatzbrennstoffes von bis zu 100 Prozent am Brenner der Zementwerke erhielt die ELM schon 2017 darum auch das Zertifikat als einer der 100 ressourceneffizientesten Betriebe in Baden-Württemberg.

Dank der neuen Stofftrennung waren nun die größeren Hartkunststoffteile übrig

Wohin damit? Mit unserer Anfrage fand ELM darauf eine klare Antwort: zurück in den Kreislauf! Uns freute das rießig, denn wir sind ständig auf der Suche nach neuen Rohstoffquellen. ELM passte seine Sortierung dementsprechend auf unsere Bedürfnisse an und so förderten wir den neuen Zweig der ELM-Firmengruppe: „In Zusammenarbeit mit GRAF haben wir unsere Separationsanlage so aufgebaut, dass die für GRAF wertvollen Polyolefine, auch POs genannt, zuverlässig abgespalten werden.“ Per Schwimm-Sink-Technik werden die vorzerkleinerten Kunststoffteile in einer Art Schwimmbecken abgetrennt, erklärt Einsele weiter. Es folgen die Nachreinigung inklusive der Entfernung von beigemischten Fasern und schließlich die Verpackung der fertigen PO-Flakes in Big Bags. In Halle 2, die uns Einsele jetzt zeigt, kommt neben den üblichen Big Bags zur Auslieferung mittlerweile auch ein Lkw-Sattelauflieger mit mehr als 90 Kubikmetern Fassungsvermögen zum Einsatz.

„GRAF ist einer von wenigen Herstellern, die aus voller Überzeugung und mit letzter Konsequenz Primärkunststoffe durch Rezyklate ersetzen. Selbst in der Hochphase der Pandemie hat GRAF weiter bei uns bestellt, mittlerweile haben wir insgesamt mehr als 16 000 Tonnen PO-Flakes an GRAF geliefert. Primärkunststoff sind derzeit viel zu billig und gerade deshalb sind Partnerschaften wie die mit GRAF so entscheidend."

Mittel- bis langfristig wird ELM im Recycling weiter wachsen

„Im EBS-Bereich haben wir den Brennstoffverbrauch unserer Kunden schon jetzt nahezu gedeckt. Der Weg‚ vom Abfall zur Ressource‘ ist für uns nicht nur eine Frage der Überzeugung, sondern auch eine des Absatzes“, sagt Einsele. Bei der Separation der wertvollen Recyclingkunststoffe wird übrigens auch Nah-Infrarot- Spektroskopie (NIR) eingesetzt. Die gleiche Technik, die später bei uns die Polyolefine sortenrein in PE und PP trennt.